Gelesen | Chris Weitz: Young World - Die Clans von New York *

Mittwoch, 28. Oktober 2015


dtv (2015) | Hardcover | 384 Seiten | 18,95€ | Young World (1) | Leseprobe? Hier entlang!

Eine mysteriöse Krankheit hat alle Erwachsenen ausgelöscht. Übrig bleibt eine Welt, in der sich die überlebenden Jugendlichen gegeneinander behaupten müssen. Jefferson, Führer wider Willen des Washington Square Clans, und Donna, in die er heimlich verliebt ist, haben sich ein halbwegs geordnetes Leben in all dem Chaos in all dem Chaos aufgebaut. Doch als Brainbox, das Genie ihres Clans, eine Spur entdeckt, die zur Heilung der Krankheit führen könnte, machen sich fünf von ihnen auf in die gefährliche Welt jenseits ihres Rückzugsortes - Schießereien mit feindlichen Gangs und Überleben in den Gefahren der U-Bahn-Schächte inklusive. Denn trotz aller Aussichtslosigkeit glaubt Jeff an die Rettung der Menschheit. 


BUCHGEDANKEN

Seit ein verheerender Virus im Raum New York ausgebrochen ist, ist die Stadt nicht mehr dieselbe. Kleine Kinder und Erwachsene sterben, zurück bleiben nur die Jugendlichen. Unter ihnen auch Donna und Jefferson. Beide gehören zum Clan, der den Washington Square ihr Eigen nennt. Zwei Jahre nach dem Ausbruch des Virus ist es ihnen gelungen, zu überleben und so etwas wie eine Gesellschaft aufzubauen. 

Bereits nach den ersten Seiten dieser Endzeitgeschichte war ich begeistert. Chris Weitz ist der erste Autor (den ich bisher gelesen habe), der es schafft seinen Charakteren unterschiedliche Stimmen zu geben. Jeff liest sich nicht wie Donna, und Donna liest sich nicht wie Jeff. Ich "fühle" ihre unterschiedlichen Charakterzüge heraus, einfach nur durch die Art und Weise wie der Autor die beiden in ihren Kapiteln sprechen lässt. Donna hat eine harte Schale, ist etwas ruppig und grob in ihrer Art, hat aber einen weichen Kern und eine verständnisvolle Seite, und sie ist verdammt realistisch und spricht die Dinge so aus wie sie sind. Jeff dagegen ist ruhiger, besonnen und kopflastig. Da er im Clan im Schatten seines großen Bruders steht, ist er zurückhaltend, steht mehr am Rand und muss sich erst noch zum Anführer entwickeln. Der Wechsel zwischen den beiden gibt dem Anfang seine ganz eigene Dynamik, ein Wechsel zwischen Jeffs ruhigen, ausgewählten Sätzen und Donnas zackigen "Frei-Schnauze"-Art. Das hat mich am Anfang, der noch nicht so actionreich ist, bei der Stange gehalten.

[American Apparel. Superdry. McDonald's. Foot Locker.] Kaum zu glauben, dass dieser ganze Kram mal wichtig war, dass diese Worte bei uns etwas ausgelöst haben. Jetzt wiederholen wir sie, als würden wir unsere Ahnen beschwören. Als wären die Läden Schreine für tausend Gottheiten, die immer noch ihren Tribut fordern. Als wären es die tausend Namen unseres toten Gottes. S. 67

Sobald wir Donna und Jefferson ein wenig besser kennen gelernt haben, dauert es nicht lange bis wir von einer nervenaufreibenden Szene in die nächste stürzen - und sowohl ich als Leser als auch die Charaktere kaum zu Atem kommen können. Doch Chris Weitz' Debütroman kann nicht nur mit tollen Figuren und spannender Action aufwarten, sondern auch mit einen unglaublich realistischem Setting. Ich hatte meine wahre Freude daran, die unterschiedliche Clans von New York kennen - und fürchten - zu lernen. Einige Clans haben sich erschreckend grausame Rituale und Eigenheiten zugelegt.

Nichtsdestotrotz kommt die Gewalt und Brutalität der Glaubwürdigkeit der Geschichte nur zu Gute. Es gibt keinen Strom mehr, kein fließendes Wasser, Nahrungsmittel sind knapp. In den Straßen der Stadt herrscht das Gesetz des Stärkeren, dass sich viele Clans uneingeschränkt zu Nutze machen und die Schwächeren unterdrücken und ihre Überlegenheit ausnutzen. Chris Weitz verherrlicht die Gewalt jedoch nicht. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Schonungslos zeigt er ihr wahres, hässlichen Gesicht und reflektiert sie durch seine Charaktere.

Dadurch, dass der Leser durch die Charaktere immer wieder in ihre Erinnerungen an die Zeit DAVOR abtaucht, mehr über ihre Familien erfährt, die sie verloren haben und die Annehmlichkeiten der Moderne vermissen, entsteht ein emotionaler und sehr kontrastreicher Mix aus Vergangenheit und Gegenwart, in dem Chris Weitz' Themen anspricht, die sehr aktuell sind, und mit denen man sich  in der globalisierten Welt in der wir nun einmal leben auseinandersetzen sollte. Chris Weitz schafft es auf sehr eindrucksvolle und spannende Weise seinen Lesern die aktuellen Probleme unserer Zeit bewusst zu machen und vor Augen zu führen.

Ich: [Donna] "Die meisten Dinge waren ganz in Ordnung." Jefferson: "Kriege. Rassismus. Der Kommerzwahnsinn. Fundamentalismus." S. 240

Ganz ohne Ecken und Kanten blieb Chris Weitz' Debütroman jedoch nicht. Es gab einige Aspekte und Handlungsverläufe mit denen ich nicht zufrieden, allen voran das verunglückte Liebesdreieck. Es wirkte leider viel zu aufgesetzt, ruppig und lieblos. So haben sich einige Passagen sehr zäh gelesen und ich konnte manchmal nur die Augen verdrehen, weil es stellenweise sehr genervt hat. Das Ende wiederum hat so einige Überraschungen parat gehalten und mich durch eine wahre Achterbahn der Gefühle gejagt - Angst um meine Helden, Frustration, Wut und Erleichterung.

FAZIT

Chris Weitz' ist als Regisseur von Twilight bekannt, Vampire sucht man in Young World - Die Clans von New York vergeblich. Dafür erwartet den Leser ein rasantes und spannendes Endzeitabenteuer, das wichtige und aktuelle Themen unserer Zeit anspricht und sehr gut für Jugendliche aufarbeitet. Ich hatte sehr viel Freude und schöne Lesestunden, sodass die kleinen Schwächen nicht weiter gestört haben. Wer also in ein Endzeit-Szenario abtauchen möchten, Spannung und Gefühle erleben möchte, ist bei Young World an der richtigen Adresse.



* Vielen Dank an Lovelybooks für die tolle Leserunde
und den dtv Verlag für das Rezensionsexemplar.

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