Gelesen | Leigh Bardugo: Grischa - Goldene Flammen

Mittwoch, 9. März 2016

Carlsen (2012) | Hardcover | 352 Seiten | 17,90€ | Grischa | Leseprobe? Hier entlang!
Alina ist einfache Kartografin in der Ersten Armee des Zaren. Dass sie heimlich in Maljen verliebt ist, ihren besten Freund seit Kindertagen, darf niemand wissen. Schon gar nicht Maljen selbst, der erfolgreiche Fährtenleser und Frauenschwarm. Bei einem Überfall rettet Alina Maljen auf unbegreifliche Weise das Leben. Doch was sie da genau getan hat, kann sie selbst nicht sagen. Plötzlich steht sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und wird zum mächtigsten Grischa in die Lehre geschickt. Geheimnisvoll und undurchschaubar, wird er von allen der Dunkle genannt. Aber wieso fühlt sie sich von ihm so unwiderstehlich angezogen? Und warum warnt Maljen sie so nachdrücklich vor dem Einfluss des Dunklen?

BUCHGEDANKEN

Grischa hat mich vom ersten Augenblick, als ich es in der Buchhandlung gesehen habe, fasziniert: Eine liebevolle und zauberhafte Aufmachung, eine Welt, die von Russland inspiriert ist und eine Geschichte, die ein wahres Abenteuer verspricht. In den ersten Kapiteln habe ich mich in Leigh Bardugos Geschichte verliebt. Ich mochte Alina, den Mix aus schlagfertigen, frechen Antworten und einer beeindruckend kühlen Intelligenz. Der Anfang war stark, spannend und magisch. Leider ist das Ganze ziemlich schnell in sich zusammen gefallen, wie ein großes, wackeliges Kartenhaus. Der Zauber, den ich auf den ersten Seiten spürte, verflog, sobald Alina und ihre Eskorte Os Alta erreichen. Im Grunde geht es hier um nichts außer um 08/15 Teenie-Drama. Die Magie und Spannung der ersten Kapitel wandeln sich in unnötig in die Länge gezogene innere Monologe und Konflikte der Protagonistin sowie den Zickereien der anderen jungen Grischa-Novizinnen. Auf Kosten der Charaktere und der Magie, die Rawka eigentlich zu bieten hat. 

Alinas anfänglich starkes Auftreten zerbröckelt wie eine Maske. Anstatt sich zum Beispiel mit Neugier und Elan in ihre Ausbildung zur Grischa zu stürzen, schlägt sie sich mit Selbstzweifeln herum und gibt schnell auf. Sobald ihr eine Aufgabe nicht sofort gelingen wollte, benahm sie sich wie ein bockiges kleines Mädchen. Kaum, dass sie ihre magischen Kräfte heraufbeschwören kann, ist ihr Ziel auf ein Artefakt zu WARTEN , dass ihre Kraft verstärken soll. Und? Nun ja, Alina wartet darauf, dass die Untergebenen des Dunklen ihr das arme Tier vor die Füße zerren ... Warum hat sie sich nicht das nächste Jagdgewehr oder den nächsten Bogen geschnappt und ist mit den Fährtenlesern auf die Pirsch gegangen, schließlich muss eine Grischa ihren Kräftemehrer selbst erschaffen. Durch die Atmosphäre einer Schule und Alinas mangelnde Eigeninitiative verbaut Leigh Bardugo das eigentliche Potenzial ihrer Geschichte. 

Neben Alina bleiben auch die beiden männlichen Protagonisten auf der Strecke. Obwohl Maljen und Alina von Kindesbeinen an befreundet waren, habe ich von dieser tiefen und verständnisvollen Freundschaft, an die sich Alina während ihrer Zeit in Os Alta so gerne erinnert, nichts gemerkt. Im Lager der Soldaten haben die beiden so gut wie nie miteinander zu tun gehabt. Maljen bliebt bei seinen Kameraden, prahlte damit, dass er sich in das Zelt des Dunklen schleichen und eine hübsche, junge Grischa verführen würde - und ignorierte Alina komplett. Auch als Alina abgeführt und nach Os Alta eskortiert wird, reagiert er nicht. Warum hat er ihr nicht einen einzigen Brief geschrieben? Das ist keine Freundschaft. Maljen blieb - auch als man ihn später besser kennen lernte - blass und farblos, seine Handlungen nicht nachvollziehbar. Ich konnte nicht verstehen, warum Alina so heillos in ihn verliebt ist.

Ebenso wie Maljen war auch der Dunkle blass und charakterlos. Er tauchte nur ab und zu am Rande auf und wechselte ein paar nichtssagende Worte mit Alina und … Ja? Die Beziehung der beiden war viel zu dürftig ausgearbeitet. Alina ist DIE Sonnenkriegerin, auf die ganz Rawka gewartet hat. Die Sonnenkriegerin, die sie von der Schattenflur befreien und das Land vereinen wird, damit wieder Frieden und Wohlstand herrschen kann. Warum hat er Alina nicht als Novizin unter seine Obhut genommen? Die gegenseitige Anziehungskraft und Sympathie wäre viel authentischer und glaubwürdiger gewesen, wenn die beiden Figuren viel mehr miteinander agiert hätten. Als sich der Dunkle letztendlich als Gegenspieler von Alina offenbarte, konnte ich nur noch den Kopf schütteln. Warum zum Teufel plant der Dunkle den Zaren zu stürzen und die Schattenflur auszuweiten? Ach so, weil er machtgierig und einfach böse ist: Der Dunkle ist nicht nur blass und ohne Charakter, ihm fehlt auch jede Motivation. Genja war als einzige Nebenfigur ein kleiner Lichtblick. Mit ihrer humorvollen und unbeschwerten Art hat sie mich sehr an Effie aus Die Tribute von Panem erinnert.


Russland ist ein wunderschönes Land, das reich an atemberaubenden Landschaften, Magie und Märchen ist. Umso trauriger ist es, dass Leigh Bardugo das Potenzial ihrer Inspiration scheinbar nicht voll ausgeschöpft hat. Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass Alina als Novizin an der Seite des Dunklen durch Rawka reist und er sie nebenbei in Kriegsstrategien und in ihren Fähigkeiten unterrichtet. Auf diese Weise hätte man als Leser soviel mehr von Rawka, seinem Zauber und der Kultur erfahren können.

Ich möchte noch kurz einen Aspekt ansprechen, der besonders in der ersten Hälfte des Buches sehr präsent und störend war: Die Fokussierung der Autorin auf die Schönheit. Die Grischa sind schön, schöner, am schönsten. Alinas Jammerei über ihr furchtbar hässliches Aussehen waren ab einem bestimmten Punkt einfach nur ermüdend. Ich finde es sehr fragwürdig in einem Jugendbuch, die Botschaft zu vermitteln, dass nur wer schön ist, etwas Besonderes ist - statt zu zeigen, dass jeder etwas erschaffen kann und das Aussehen eigentlich kein wichtiger Faktor ist, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge im Leben geht.

FAZIT

Grischa - Goldene Flammen war für mich eine herbe Enttäuschung. Die zauberhafte Welt, die ich mir erhofft hatte, ging neben Alinas präsenten Selbstzweifeln und Jammern über ihr Aussehen und die Ungerechtigkeit, dass sie keine Aufmerksamkeit von Maljen erhält vollkommen unter - unterstützt durch die Entscheidung der Autorin die Handlung in eine "Schule" zu verlegen. Die Autorin hier viel Potenzial verschenkt.

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