Gelesen | Renée Ahdieh: Zorn und Morgenröte *

Mittwoch, 6. Juli 2016

Das ganze Volk von Chorasan lebt in Angst und Schrecken, seit der junge Herrscher Chalid begonnen hat, jeden Tag ein anderes Mädchen zu heiraten, nur um sie am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang hinrichten zu lassen. Shahrzad hat auf diese Weise ihre beste Freundin Shiva an den Kalifen verloren. Nun will sie nur noch eins: ihre Freundin rächen. Sie meldet sich freiwillig als Braut und hat doch nur ein Ziel: überleben und den Mann töten, der ihr die Freundin genommen hat. Im Angesicht der Morgenröte beginnt Shahrzad, Chalid eine Geschichte zu erzählen. Und tatsächlich: Sie bekommt einen Tag Aufschub. Doch mit den Geschichten und den Nächten, die vergehen, muss Shahrzad erkennen, dass der junge Kalif nicht der Tyrann ist, für den ihn alle halten. Und das in seinem prächtigen Palast Geheimnisse verborgen liegen, die noch schrecklicher sind als seine Taten.


BUCHGEDANKEN

Jeden Morgen, wenn sich die Sonne über den Horizont hebt, muss eine junge Frau sterben. So hat es der König befohlen. Jeden Abend heiratet er ein neues Mädchen, das im Morgengrauen zu ihrer Hinrichtung geführt wird. Eines Tages meldet sich die Tochter des Wesirs freiwillig, um dem König die Stirn zu bieten. Die Geschichte von Scheherazade, die dem König jede Nacht eine Geschichte erzählt und so am Leben bleibt, ist weltweit bekannt. Renée Ahdieh hat sich die tausend Jahre alte Geschichte als Inspiration für ihren Jugendroman Zorn und Morgenröte genommen. Ebenso wie Scheherazade meldet sich auch Shahrzad freiwillig, um die Braut des Kalifen zu werden, mit dem Ziel sich zu rächen. Rache zu üben an dem kaltblütigen Tyrannen, der ihre beste Freundin und vor ihr so viele andere junge Mädchen hinrichten ließ. Ebenso wie ihre Märchen-Vorlage erzählt Shahrzad dem Kalifen Geschichten und überlebt. Während ihrer Zeit im Palast lernt sie den Mann auf dem Thron kennen und kommt ihm letztendlich immer näher. Nur wie kann man sich in einen herzlosen Mörder verlieben?

Während man als Leser Stück für Stück in die wundervolle arabische Welt gezogen wird, wartet man voller Spannung auf die Auflösung des Konflikts, auf die Lüftung von Chalids Geheimnis. Unterwegs verliert man sich in detailreichen Beschreibungen, in Farben und Gerüchen, in Mustern und Mosaiken. Renée Ahdies Schreibstil ist märchenhaft, bildgewaltig, leicht ohne anspruchslos zu sein und gleichzeitig fesselnd. Es fiel mir schwer mit dem Lesen aufzuhören, um beispielsweise solche simplen Dinge zu tun, wie an der richtigen Haltestelle aus der Tram auszusteigen. Man hat beim Lesen seine wahre Freude an den schlagfertigen, teils humorvollen Dialogen, romantischen Szenen, an höfischen Intrigen und spannenden Kampfszenen. Die Perspektivwechsel lockern die Geschichte auf, bringen neue Spannung und mehr Tiefe und Vielseitigkeit in die Geschichte.

Shahrzad hinterlässt gleich zu Beginn einen starken und bleibenden Eindruck. Sie ist tough, nicht auf den Mund gefallen, erfrischend und markant. Sie ist eine Protagonistin, die man sehr schnell ins Herz schließt, jedoch handelt sie manchmal sehr impulsiv, beinahe unberechenbar, dass man fast glaubt, sie ist sich der Tatsache nicht (mehr) bewusst, dass ihr Schicksal in der Hand eines Mörders liegt. Vereinzelt wirkt sie auch wie ein überhebliches und trotziges Kind, das gerade seinen Willen nicht bekommt. Es macht ihren Wesenszug aus, dass sie sich nichts gefallen lässt, jedoch hätte ich von einer klugen, jungen Frau – die sie auch ist – erwartet, dass sie sich in manchen Situationen zusammenreißt, überlegt, die Konsequenzen abwägt und nicht einfach handelt und das zum Teil sehr unangebracht. Schnell wird einem klar, dass Shahrzads ursprünglicher Plan nicht so schnell und einfach umgesetzt werden kann. Shahrzads innerer Konflikt tritt immer stärker zu Tage und langsam wird ihr bewusst, dass sie sich mit ihrer Entscheidung gegen ihre Überzeugung und ihre Vergangenheit auflehnt. Ihr stetes Wackeln ist sehr gut beschrieben und in die Geschichte eingeflochten. 

Obwohl die Charaktere eine große Stärke des Buches sind, sind sie gleichzeitig auch eine Schwäche. Sieht man sich die Beziehung zwischen Shahrzad und Chalid genauer an, kommt die Sympathie zwischen den beiden – so romantisch sie auch inszeniert sein mag – und Shahrzads daraus resultierendes konsequentes Handeln sehr plötzlich, nahezu aus dem Nichts. Ich kann die Kritik anderer Leser sehr gut verstehen, die hier an der Authentizität der Liebesgeschichte zweifeln. Wenn man die rosarote Brille absetzt, scheint die Geschwindigkeit, in der sich Shahrzad in Chalid verliebt sehr ungewöhnlich. Sie, die einfache Tochter, die sich aus dem Wunsch nach Rache freiwillig als Braut für den Kalifen stellt, sich aber nicht dazu durchringt ihren Plan in die Tat umzusetzen, obwohl sie den Kalifen über alles hasst. Und der „wahnsinnige“ junge Kalif, so nachsichtig mit der aufsässigen Shahrzad ist und davor jeden Morgen ein Mädchen töten ließ. Ja, die Liebe wirkt künstlich konstruiert. Renée Ahdieh hat es trotzdem geschafft, dass nicht nur Shahrzad, sondern viele Leser am Stockholm-Syndrom erkrankt sind und ihr Herz rettungslos an Chalid verloren haben.


FAZIT


Trotz einiger kleinerer und größerer Schwächen ist es der Autorin gelungen mich mit ihrer Geschichte vollkommen in den Bann zu schlagen. Ich war bezaubert von der orientalischen Atmosphäre, von der Spannung und der Romantik, die in der Luft knisterten. Eine klare Leseempfehlung für Zorn und Morgenröte!

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